Noah Sow
 

Weitere Interviews:


Kantara’s World: "Ihr wollt nichts von uns wissen", Interview mit Jeanine Kantara

amnesty journal: "Wir brauchen mehr Intoleranz", Interview mit Tatjana Schütz (pdf: 168 KB)

Frankfurter Rundschau: "Schwarz - das ist ein politischer Begriff"

Tagesschau.de: "Ein angemalter Weißer ist kein Schwarzer"

ORF (Österreichischer Rundfunk): " Verborgene Geschichte/n" – Darstellung schwarzer Menschen in deutschen Medien

"Lotta" (antifaschistische Zeitung aus NRW): "Es gibt kein Selbstinformierungsverbot" (PDF)

 

Interview mit Noah Sow

zu ihrem Buch „Deutschland Schwarz Weiß“

„Mit Streicheln und ganz lieb nachfragen
verändert man keine (rassistischen) Herrschaftsstrukturen.“

Frau Sow, gab es irgendein Ereignis oder persönliches Schlüsselerlebnis, das Sie dazu veranlasst hat zu sagen: „So, jetzt reicht’s mir! Jetzt schreibe ich ein Buch über das, was sich in Sachen Rassismus in diesem Land tagtäglich abspielt!“?

Um das Buch zu schreiben gab es nicht wirklich ein Schlüsselerlebnis, da dachte ich eigentlich immer „das mach ich mal wenn ich 60 bin“. Aber mein politisches Gewissen wurde eindeutig wiedererweckt, als mir ein Rudel Nazis mal wieder deutlich dargelegt hat, dass in Deutschland gar nichts in Ordnung ist. Weil sie sich nur mit der Unterstützung der Gesellschaft so aufführen konnten. Heute bin ich den Idioten eigentlich sogar dankbar, denn seither sehe ich wieder mehr hin und höre besser zu und lasse keine deutschen rassistischen Gewohnheiten mehr „durchrutschen“. Ab dem Moment habe ich wieder verstärkt antirassistisch gearbeitet - und aus der Summe der Forschungen, Beobachtungen, Analysen, Ideen, dem Austausch mit anderen, ist dann das Buch entstanden.

Verstehe - Sie bedanken sich ja auch in der Danksagung zu Ihrem Buch ausdrücklich bei „diversen Nahkontaktnazis“ für die Wiedererweckung Ihres Kampfgeistes. Dass Sie den haben, steht außer Zweifel, wenn man Ihr Buch liest, dazu auch eine gehörige Portion Wut im Bauch. An einigen Stellen werden Sie richtiggehend polemisch. Glauben Sie, dass das einer öffentlichen Diskussion über Rassismus förderlich ist?

Sie dürfen die Aggression nicht mit der Reaktion verwechseln. Rassismus ist die Aggression. Wenn ich den aufdecke und benenne, ist das kein aggressiver Akt von mir, sondern die Reaktion auf eine Gesellschaft, die sich anhaltend brutal benimmt - dabei aber so tut, als sei alles okay. Außerdem will ich wirklich, dass sich etwas verändert. Darin steckt auch viel Zuneigung, sonst würde ich mir die Mühe ja gar nicht machen, sondern in aller Ruhe wegziehen und Farn züchten. Ihren Sohn schreien Sie auch an, wenn er etwas tut, was gefährlich ist; und erklären ihm immer wieder Dinge. Wäre er ihnen egal, würden Sie aus dem Zimmer gehen und stricken. Leider muss auch gesagt werden: mit Streicheln und ganz lieb nachfragen verändert man keine Herrschaftsstrukturen.

Die Mehrheitsdeutschen profitieren ja von Rassismus. Da muss es schon mal unbequem werden, damit die Beschäftigung überhaupt beginnt.

Indem Sie sich mit Ihrem Buch ausdrücklich an die weiße Mehrheit in diesem Land wenden, verhalten Sie sich also in etwa wie jemand, der seinem unbelehrbaren Nachwuchs die Leviten liest und ihm nachdrücklich nahe legt, sein Tun zu prüfen und gefälligst zu ändern? Nur: Eltern können ein Lied davon singen, dass Appelle allein selten fruchten. Wie groß schätzen Sie die Gruppe derjenigen ein, die sich diesem unbequemen Rassismus-Selbsttest freiwillig unterzieht?

Es ist nicht meine Aufgabe, zu beurteilen, wer sich in seinem Leben wann und warum dafür entscheidet, Rassismus bekämpfen zu wollen. Ich liefere einfach ein paar Mittel, die dabei helfen können, vor allem auf der kognitiven Verständnis-Ebene. Im Übrigen stimme ich mit Ihrer Aussage nicht überein, dass ich „Nachwuchs“ „die Leviten lese“. Da haben Sie vielleicht meine Zuneigungs-Analogie falsch verstehen wollen?

Ähm … - ich werde darüber nachdenken! Inwieweit wenden Sie sich mit Ihrem Buch eigentlich auch an ein Schwarzes Leserpublikum?

Es könnte sein, dass LeserInnen, die nicht weiß sind, schon viel von dem wissen, was im Buch steht. Auch weil es für mich keinen Grund gibt, ihnen etwas zu erklären, wendet sich mein Buch in seiner Ansprache nicht an Schwarze Menschen und People of Color. Im Inhalt aber schon! Es gibt da sozusagen eine Schwarze Meta-Ebene; alle Kapitel wenden sich auch an Schwarze Menschen, aber eher hintergründig.

Als „Entschädigung“ für die viele (vordergründige) Beschäftigung mit Weißen habe ich eigens das Kapitel „Liste dummer Sprüche, die wir nie wieder hören wollen - und praktische Antworten darauf“ zusammengetragen.

Ich habe versucht, in meinem Buch viele Dinge anzubieten, die zum Verständnis von Rassismus und seinen Funktionsweisen beitragen können, und wen das interessiert, der oder die wird dort fündig, dabei spielt der Background eigentlich keine Rolle.

Es gibt Schätzungen zufolge 300.000 bis 500.000 deutsche Schwarze - pardon: Schwarze Deutsche - Frauen, Männer, Kinder, Jugendliche, Alte, Menschen in allen möglichen Berufen, mit unterschiedlicher Herkunft, verschiedener Religionszugehörigkeit, unterschiedlichem Bildungs- und Familienhintergrund. Gibt es Ihrer Erfahrung nach darunter Gruppen, die im besonderen Maße rassistischen Alltagserfahrungen ausgesetzt sind, und welche Gruppen sind das?

„Gruppen“ zu konstruieren und einzeln hervorzuheben, nach dem Motto „ wer hat’s am schwersten“ widerstrebt mir, und mit Nachdenken kann man sich das selbst beantworten: Bei Frauen kommt immer auch die Bedrohung durch Sexismus mit hinzu. Bei Homosexuellen die durch Homophobie. Bei Menschen, die nicht deutsch sind, Ausländerfeindlichkeit. Bei Menschen, die deutsch sind, Negierung der Zugehörigkeit. Gegenüber Schwarzen Muslimen sind es die Terrorismus- und Demokratiefeindlichkeits-Unterstellungen. Menschen, die Medien nutzen und genau hinhören/-sehen, erleben eine Menge second-hand-Rassismus. Und all das multipliziert sich natürlich auch entsprechend.

Wie stark man rassistischen Alltagserfahrungen ausgesetzt ist, liegt außerdem nicht daran, wer man ist oder woher man kommt (also an den „Betroffenen“), sondern am Umfeld, das den Rassismus ja ausagiert. Wichtig fände ich die Frage: „Gibt es unter weißen Deutschen Gruppen, die im besonderen Maße rassistische Prägung erfahren, und welche Gruppen sind das?“ Da reden wir dann über Rassismus da, wo die Diskussion hingehört: zu denen, die ihn tradieren, tradiert bekommen und ausüben. Nur dort kann man ihn stoppen. Andere Ansätze ordne ich (hier im populären Bereich, von Studien mal abgesehen) eher bei Neugier, Exotismus, Teile-und-Herrsche ein. Denn was würde man denn genau mit der Erkenntnis anfangen, dass es etwa die-und-die angeblich „besonders schwer“ haben? Ihnen Blumen schicken? Inwiefern würde diese Information Rassismus mindern können?

Kürzlich habe ich einem „Trend-Barometer“ entnommen, dass Political Correctness „megaout“ sei, etwas für „heulsusige Gutmenschen“. Wenn man die Satire-Szene ein wenig mitverfolgt, gewinnt man den Eindruck, dass man sich diesem „Trend“ anschließt, indem man z.B. auch wieder eine Begrifflichkeit verwendet, die schon längst in der Mottenkiste liegen sollte. Was halten Sie von dieser Entwicklung?

Ich glaube gar nicht, dass das tatsächlich eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung ist, sondern eher die angestrengte „Gegenströmung“ einiger Verzweifelter. Klar, dass viele dabei verkrampfen, wenn sie plötzlich auf Privilegien verzichten sollen, wie zum Beispiel Menschen rassistisch beleidigen. Dass sie das dann umso lauter tun, liegt nahe. Für jede demokratische Entwicklung gibt es halt auch ein Aufbäumen dagegen. Als solches verstehe ich rassistische und diskriminierende Witze, nehme sie aber durchaus ernst, weil die vermeintlichen „Spaßvögel“ damit auch immer testen: „wie weit kann ich gehen? Wie aggressiv kann ich werden ohne dass ich Nachteile erleide? Wie sehr steht die Mehrheitsgesellschaft hinter mir?“. Satire ist in Wirklichkeit natürlich etwas ganz anderes, genau genommen das Gegenteil davon: festgefahrene Strukturen, verdeckte Hierarchien, unausgesprochene Mechanismen benennen, Tabus brechen. Wenn Weiße im TV rassistische Sprüche klopfen, ist das aber kein Tabu und auch nicht mutig, sondern ein alter Zopf.

Frau Sow, was geben Sie Schwarzen Jugendlichen in Deutschland mit auf den Weg?

Das sage ich dann den Schwarzen Jugendlichen direkt bzw wenn mich eine(r) fragt.

Danke für das Gespräch, Frau Sow.

Die Fragen stellte
Hanna Forster
München, Februar 2008
© Verlagsgruppe Random House GmbH, München